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Donnerstag, 17. Dezember 2009

Auf ins Neue

Der Tag der Abreise ist gekommen. Wie ist es alles Gewohnte hinter sich zu lassen? Es fühlt sich an wie ein Gang durch einen Nebelschleier, träge und traurig. Der Trolley rattert hinter mir auf dem Trottoir und zeigt mir, dass ich diesen Weg vorerst das letzte Mal gehen werde. Die Idee fand ich anfangs witzig: Mit dem Koffer auf die Arbeit kommen und dann sagen können „Nach Feierabend wandere ich aus.“ Doch der Trolley ist auch deutliches Symbol: Mein letztes Hab und Gut, das ich noch in Deutschland habe.

Schemenhafte Erinnerungen an nun abgeschlossene Zeiten drängen sich auf, werden an jeder bisher so unbedeutenden, grauen Straßenmauer deutlich. Wie lange gehört die schon zu meinem Leben? Solange ich denken kann. Die Wahrnehmung verschärft sich und geht aufs Gemüt: Diese Busroute kenne ich seit ich als Junge das erste Mal alleine im Bus gefahren bin; davor habe ich sie wohl schon unbewusst als Kleinkind und davor noch im Kinderwagen wahrgenommen. Jene U-Bahn benutze ich nun beruflich seit fünf Jahren. Dieses Graffiti an der Station habe ich täglich gesehen und mir nie etwas daraus gemacht. Nun wird es aus meinem Alltag verschwinden.

Und mir fällt auch auf: Bis heute hatte ich Nachbarn, die bereits seit 40 Jahren im gleichen Haus wohnen. Ein solches Alter habe ich ja noch nicht einmal erreicht! Bei einer solch steten Ereignislosigkeit stellen sich mir alle Haare zu Berge. Sowas kann mir nicht passieren, das weiß ich. Nicht weil ich nun aus heller Torschlusspanik diesen großen Schritt forciere, sondern weil ich das schon immer wusste. Gemerkt hat man davon wenig wenn man nur gesehen hat, dass ich mein Leben lang in der gleichen Stadt gewohnt habe.

Darum sehe ich es eher so: Ich habe Anlauf genommen.

Ein solch bewegender Abschied gehört mit Sicherheit dazu wenn man sich mit einem Schlag entwurzelt – vielmehr noch wenn man sich noch nie zuvor einer solchen Situation ausgesetzt hat. Freunde, Bekannte und Kollegen von mir haben dabei bereits ähnliches durchgemacht als sie zum Studieren in eine andere Stadt oder gar ein anderes Land gezogen sind. Ich habe das immer selbstverständlich als Teil ihrer Geschichte angesehen: Irgendwann hatten sie den Wunsch woanders zu leben oder zu studieren und haben das dann gemacht. Nun stehe ich vor ihnen und auf den ersten Blick wirkt ihr Wunsch erfüllt und abgehakt. Was sie dabei jedoch durchgemacht haben hatte ich zwar als Fakten verstanden, nicht aber emotional nachvollziehen können.

Am Ende kann man es doch aber genauso als einfache Kosten-/Nutzenrechnung betrachten: Was möchte ich haben und was bin ich bereit dafür zu geben? Was möchte ich emotional, monetär und an physischem Aufwand einbringen – und kann das Ergebnis die Aufwände wieder aufwiegen oder gar übertreffen, sodass man bspw. einen emotionalen Gewinn verbucht? Bei solchen Überlegungen lernt man sich zudem zwangsläufig unheimlich gut kennen.

In meinem Fall ist das sogar ein erwünschter Effekt, der definitiv zur Nutzenseite zählt. Dieses Kennenlernen geschieht nicht nur in der Zeit vor dem eigentlichen Vorhaben, während es nur um die Frage geht „Mach ich’s oder lieber nicht?“, sondern insbesondere nachdem die Entscheidung getroffen wurde. Es gibt Konsequenzen, die getragen werden müssen und mit denen vorher nicht gerechnet werden konnte. Somit gilt es stets das Unerwartete zu erwarten und Freude am Neuen und Unbekannten zu haben. Genau der Grund, weshalb ich schon seit Jahren im Ausland leben wollte.

Dienstag, 8. Dezember 2009

Nichts ist unmöglich!

Eine „Can Do Attitude“ gehört offenbar zum Standardrepertoire englischer Makler und Verkäufer. So zumindest das Ergebnis meiner bisherigen Jobsuche – dabei bin ich doch Informatiker! Schade also, dass ich beruflich weder Wohnungen noch andere Dinge an den Mann bringen will. Denn gerade eine solche „Can Do Attitude“ scheint sich bei mir zurzeit als Charaktereigenschaft zu manifestieren.

Löste der Slogan „Just Do It“ bei mir früher immer ein ungewohntes Kribbeln bei der Vorstellung aus einmal etwas Gewagtes und völlig Überraschendes zu tun, so bin ich über diesen Schritt bereits hinaus. Alle Rechnungen für die neue Wohnung in England sind bezahlt, auch die für das Umzugsunternehmen. Die alte Wohnung ist gekündigt, der Job ebenfalls. Gefrierschrank und Aikido-Trainingswaffen sind verkauft; Schreibtisch, Küche und Bett warten noch auf Abnehmer. Ich komme nachhause und das Wohnzimmer ist nicht mehr papayafarben, sondern weiß: Meine Freundin leistet während meiner Arbeitszeit ebenfalls volle Arbeit und verwandelt unsere Wohnung in etwas, das demnächst andere ihr Zuhause werden nennen können. „Just Doing It“ passt da wohl besser.

All dies ist ein logistischer Akt, der flexibles und zuverlässiges Projektmanagement im privaten Bereich fordert. Das Leben findet zwischen Kartons und auseinandergenommenen Schrankwänden statt, fast täglich verschwinden gewohnte Einrichtungsgegenstände, dazu finanzielle Überlegungen – was lohnt es mitzunehmen, was neu zu kaufen? Pro Kubikmeter 90€ Transportkosten zu zahlen rückt den Wert des eigenen Mobiliars in ein ganz neues Licht.

Meine Feierabende dienen mittlerweile zudem dem Umgang mit der Bürokratie zweier Länder, von Sonderkündigungsbedingungen über Versicherungsleistungen. Den anspruchsvollen Englischtest nicht zu vergessen, für den ich mich vor zwei Monaten so mutig angemeldet hatte – wohlwissend, dass die Prüfung lediglich zwei Tage vor der Abholung unserer Möbel und Umzugskartons stattfinden würde. Aber warum nicht? Schließlich soll in meinem Leben mal wieder was passieren und ich will einfach sehen wie ich mich dabei so mache.

Dabei ist mir meine Freundin die größte Stütze, sowohl emotional als auch praktisch. Ohne sie hätte ich weiterhin nur meinen Traum geträumt und würde mit Sicherheit nicht so erwartungsvoll in diese neue Zukunft blicken. Noch dazu sorgt sie in all diesem Trubel für eine „cosy corner“ und beharrt auf effiziente Entspannung sowie Ernährung zur richtigen Zeit.

Die jetzt gesammelten Erfahrungen werden sich in unseren Lebensläufen später wohl nur zwischen den Zeilen lesen lassen. Die Organisation eines solchen Umzuges unter Berücksichtigung aller beteiligten Emotionen ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Dennoch bin ich überrascht davon wie leicht ich sonst in Panik gerate, nun aber ruhig Blut bewahre und die Hoffnung und Vorfreude auf eine neue Zeit in mir wallen. Dies ist wohl die erste fundamentale Erkenntnis, wegen derer ich dieses Unterfangen doch erst in Angriff genommen hatte.

Mittwoch, 25. November 2009

„My name is Ule. U-L-E. Yes, that’s it.”

Wie oft werde ich das in Zukunft sagen?

Engländern scheinen drei Buchstaben für einen Nachnamen wohl nicht genug zu sein. Schon mehrmals konnte ich letzte Woche beobachten wie sie, den Blick auf ihr Formular gesenkt, erwartungsvoll den Stift in der Luft hielten und an meinen Lippen hingen. Jedes Mal gefolgt von einer kleinen Enttäuschung und einem gemeinsamen Lachen über kulturelle Unterschiede.

Natürlich gibt es aber auch bedeutsamere Unterschiede, von denen ich einige bei unserer Wohnungssuche in der letzten Woche kennenlernen konnte. Vorsichtshalber hatte ich mich schon vorher von einigen deutschen Erwartungen distanziert – und doch startete ich bei den ersten beiden Maklern den Versuch die Fläche der Wohnungen in Erfahrungen zu bringen. Quadratfüße statt -metern hätten es auch für mich getan, doch was ich bekam waren nur unwissende Gesichtsausdrücke. Flächenangaben gibt es in Großbritannien nämlich nur wenn man kaufen will, und zwar im großen Stil.

Das Fußvolk spricht dagegen von Doppel- und Einzelbettzimmern und wie viele es davon gibt. Dort passt dann oft auch nur ein Doppel- oder eben ein Einzelbett rein, mehr auch nicht. Wo man mal den Weihnachtsschmuck außerhalb der Saison unterbringt ist mir ein Rätsel, denn die von Deutschland gewohnten Keller gibt es nicht.

Abgesehen davon war die Wohnungssuche durchweg von Kontrasten geprägt: Einmal eine Wohnung mit großem Garten, aber auch Schimmel. Einmal direkt am Meer, aber doch abgeschieden und mit gespenstisch pfeifendem Wind. Einmal in einem hotelartig renovierten Fischergebäude im Hafen vom Nachbarort Poole, aber mit einem Labyrinth aus Türen und dunkel wie ein Verlies. Ein freistehender Bungalow mit  Terrasse und Garten, aber vereinsamt mit verrosteten, liegengelassenen Autoteilen im Garten des Nachbarn.

Doch was wir nun gefunden haben hat all unsere Erwartungen übertroffen: Ein wunderschönes Gebäude im alten Stil und doch erst vor 10-15 Jahren gebaut. Mitten im Grünen und mit etwa 20 Minuten Fußweg durch die Stadt zum Meer. Selbst die Zimmer sind groß und obendrauf gibt es noch zwei Badezimmer. Und eine Garage – für den nötigen Stauraum.

Damit ist unsere Hauptaufgabe von letzter Woche also erfüllt. Nun kommt nur noch der eigentliche Umzug. Möbel verkaufen, Wohnung streichen, packen, Versicherungen kündigen, Rechnungen bezahlen und schließlich nochmal Freunde treffen bevor es nur noch Besuche geben wird.

Das alles passiert bis ich am 17.12. abfliege und mein neues Leben an einem anderen Ort beginne. Neue Menschen treffe, neue Erfahrungen mache. Und mich selber neu kennenlerne. Das fühlt sich an als ob man verliebt ist, mir kribbelt es am ganzen Körper vor Aufregung.

Mittwoch, 11. November 2009

Ein Abenteuer wartet

So lautete der Spruch eines Glückskekses, der mir vor über einem Jahr in die Hände gespielt wurde. „Ein Abenteuer wartet.“ – das gefiel mir, war es doch genau das, worauf auch ich seit einigen Jahren gewartet hatte.

Zuhause angekommen bekam der Papierstreifen deshalb gleich einen Ehrenplatz in der Mitte meines großen Bücherregals im Wohnzimmer. So klein, dass er wohl keinem auffällt, aber doch immer präsent. Ich hatte einfach gehofft, dass er so seinen existenzbegründenden Zweck erfüllen und allein durch seine Aura mein Leben verändern würde. Ich setze mich nun mal gerne neuen Dingen aus.

Ein Jahr später, also etwa vor einer Woche, kam ich nachhause und bemerkte erst nach einigem Hin- und Herlaufen zwischen Küche und Wohnzimmer, dass meine Freundin offenbar in einer ruhigen Minute und in meiner Abwesenheit besagtes Regal in seine Einzelteile zerlegt hatte. Diese lehnen seitdem alle sorgfältig sortiert an der Wand und warten auf ihren Abtransport. Genauso haben die Bücher in einigen Kartons ein neues Zuhause gefunden. Der Glückskekszettel ist unter dem Bretterstapel nicht mehr sichtbar, wobei mir auch auffiel, dass ich dessen Existenz schon seit längerem vergessen hatte.

Immerhin, seine Aufgabe hat er mittlerweile auch mit Bravour erfüllt: Nicht lange musste ich damals warten bis ich meine Freundin, eine gebürtige Halb-Engländerin, Viertel-Spanierin und -Kanadierin, kennenlernte, mit der ich nun zum Jahreswechsel nach England ziehen werde.

Der Kontrast zwischen uns ist groß: Sie schon fast eine Globetrotterin, hat gelebt in England, Schottland, wieder England, Spanien und nun Deutschland – und ich? Mainz. Fast 30 Jahre nun, mein ganzes Leben. Als sie in mein Leben trat begann ich endlich langsam aus meinem alten herauszutreten.

Der Deutsche, der ich bin – wenn auch Halbfranzose mit einem multikulturellen Freundeskreis, einer iranischen Ex-Freundin und einer Faszination für andere Kulturen und fremde Traditionen – sah sich vor diesem Kontrast plötzlich in seiner Urdeutschheit auffallend bestätigt. Offenheit, Toleranz und Laissez-faire sind Tugenden, die der Deutsche gerne zulässt, aber bitte nur in geregeltem Rahmen. Siehe Fastnacht – da hat der Deutsche Spaß und lässt sich gehen: ab dem 11.11. um 11:11 Uhr. Das ist schön präzise und zuverlässig. Ein Blick auf den Kalender reicht aus um zu wissen, ob der Deutsche heute Spaß hat oder nicht.

So viele Regeln und Traditionen fühlten sich für mich nur leider irgendwann wie eingefahren an. Vor allem wenn man sich sein Leben lang darauf verlassen hat und nie ernsthaft daraus ausgebrochen ist. Dies ist aber nun mein Plan, mein persönliches Abenteuer: Ich ziehe in ein anderes Land. Nicht alleine, zum Glück. Dafür aber noch ohne neue Wohnung oder Job. Das macht es spannend, aufreibend, kurios und augenöffnend.

Dieser Blog soll nun sowohl eine Reflexionsmöglichkeit für mich bieten, vor allem aber eine virtuelle Brücke über den Ärmelkanal zu meinen Freunden und Kollegen und zu meiner Familie schlagen.

In diesem Sinne „Helau!“ – ab heute, dem 11.11.09 um 11:11 pm, beginnt ein neues Kapitel, in dem ich es mir bewusst werde gut und anders gehen lassen.

Viel Spaß beim Lesen!
Dominique