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Mittwoch, 25. November 2009

„My name is Ule. U-L-E. Yes, that’s it.”

Wie oft werde ich das in Zukunft sagen?

Engländern scheinen drei Buchstaben für einen Nachnamen wohl nicht genug zu sein. Schon mehrmals konnte ich letzte Woche beobachten wie sie, den Blick auf ihr Formular gesenkt, erwartungsvoll den Stift in der Luft hielten und an meinen Lippen hingen. Jedes Mal gefolgt von einer kleinen Enttäuschung und einem gemeinsamen Lachen über kulturelle Unterschiede.

Natürlich gibt es aber auch bedeutsamere Unterschiede, von denen ich einige bei unserer Wohnungssuche in der letzten Woche kennenlernen konnte. Vorsichtshalber hatte ich mich schon vorher von einigen deutschen Erwartungen distanziert – und doch startete ich bei den ersten beiden Maklern den Versuch die Fläche der Wohnungen in Erfahrungen zu bringen. Quadratfüße statt -metern hätten es auch für mich getan, doch was ich bekam waren nur unwissende Gesichtsausdrücke. Flächenangaben gibt es in Großbritannien nämlich nur wenn man kaufen will, und zwar im großen Stil.

Das Fußvolk spricht dagegen von Doppel- und Einzelbettzimmern und wie viele es davon gibt. Dort passt dann oft auch nur ein Doppel- oder eben ein Einzelbett rein, mehr auch nicht. Wo man mal den Weihnachtsschmuck außerhalb der Saison unterbringt ist mir ein Rätsel, denn die von Deutschland gewohnten Keller gibt es nicht.

Abgesehen davon war die Wohnungssuche durchweg von Kontrasten geprägt: Einmal eine Wohnung mit großem Garten, aber auch Schimmel. Einmal direkt am Meer, aber doch abgeschieden und mit gespenstisch pfeifendem Wind. Einmal in einem hotelartig renovierten Fischergebäude im Hafen vom Nachbarort Poole, aber mit einem Labyrinth aus Türen und dunkel wie ein Verlies. Ein freistehender Bungalow mit  Terrasse und Garten, aber vereinsamt mit verrosteten, liegengelassenen Autoteilen im Garten des Nachbarn.

Doch was wir nun gefunden haben hat all unsere Erwartungen übertroffen: Ein wunderschönes Gebäude im alten Stil und doch erst vor 10-15 Jahren gebaut. Mitten im Grünen und mit etwa 20 Minuten Fußweg durch die Stadt zum Meer. Selbst die Zimmer sind groß und obendrauf gibt es noch zwei Badezimmer. Und eine Garage – für den nötigen Stauraum.

Damit ist unsere Hauptaufgabe von letzter Woche also erfüllt. Nun kommt nur noch der eigentliche Umzug. Möbel verkaufen, Wohnung streichen, packen, Versicherungen kündigen, Rechnungen bezahlen und schließlich nochmal Freunde treffen bevor es nur noch Besuche geben wird.

Das alles passiert bis ich am 17.12. abfliege und mein neues Leben an einem anderen Ort beginne. Neue Menschen treffe, neue Erfahrungen mache. Und mich selber neu kennenlerne. Das fühlt sich an als ob man verliebt ist, mir kribbelt es am ganzen Körper vor Aufregung.

Mittwoch, 11. November 2009

Ein Abenteuer wartet

So lautete der Spruch eines Glückskekses, der mir vor über einem Jahr in die Hände gespielt wurde. „Ein Abenteuer wartet.“ – das gefiel mir, war es doch genau das, worauf auch ich seit einigen Jahren gewartet hatte.

Zuhause angekommen bekam der Papierstreifen deshalb gleich einen Ehrenplatz in der Mitte meines großen Bücherregals im Wohnzimmer. So klein, dass er wohl keinem auffällt, aber doch immer präsent. Ich hatte einfach gehofft, dass er so seinen existenzbegründenden Zweck erfüllen und allein durch seine Aura mein Leben verändern würde. Ich setze mich nun mal gerne neuen Dingen aus.

Ein Jahr später, also etwa vor einer Woche, kam ich nachhause und bemerkte erst nach einigem Hin- und Herlaufen zwischen Küche und Wohnzimmer, dass meine Freundin offenbar in einer ruhigen Minute und in meiner Abwesenheit besagtes Regal in seine Einzelteile zerlegt hatte. Diese lehnen seitdem alle sorgfältig sortiert an der Wand und warten auf ihren Abtransport. Genauso haben die Bücher in einigen Kartons ein neues Zuhause gefunden. Der Glückskekszettel ist unter dem Bretterstapel nicht mehr sichtbar, wobei mir auch auffiel, dass ich dessen Existenz schon seit längerem vergessen hatte.

Immerhin, seine Aufgabe hat er mittlerweile auch mit Bravour erfüllt: Nicht lange musste ich damals warten bis ich meine Freundin, eine gebürtige Halb-Engländerin, Viertel-Spanierin und -Kanadierin, kennenlernte, mit der ich nun zum Jahreswechsel nach England ziehen werde.

Der Kontrast zwischen uns ist groß: Sie schon fast eine Globetrotterin, hat gelebt in England, Schottland, wieder England, Spanien und nun Deutschland – und ich? Mainz. Fast 30 Jahre nun, mein ganzes Leben. Als sie in mein Leben trat begann ich endlich langsam aus meinem alten herauszutreten.

Der Deutsche, der ich bin – wenn auch Halbfranzose mit einem multikulturellen Freundeskreis, einer iranischen Ex-Freundin und einer Faszination für andere Kulturen und fremde Traditionen – sah sich vor diesem Kontrast plötzlich in seiner Urdeutschheit auffallend bestätigt. Offenheit, Toleranz und Laissez-faire sind Tugenden, die der Deutsche gerne zulässt, aber bitte nur in geregeltem Rahmen. Siehe Fastnacht – da hat der Deutsche Spaß und lässt sich gehen: ab dem 11.11. um 11:11 Uhr. Das ist schön präzise und zuverlässig. Ein Blick auf den Kalender reicht aus um zu wissen, ob der Deutsche heute Spaß hat oder nicht.

So viele Regeln und Traditionen fühlten sich für mich nur leider irgendwann wie eingefahren an. Vor allem wenn man sich sein Leben lang darauf verlassen hat und nie ernsthaft daraus ausgebrochen ist. Dies ist aber nun mein Plan, mein persönliches Abenteuer: Ich ziehe in ein anderes Land. Nicht alleine, zum Glück. Dafür aber noch ohne neue Wohnung oder Job. Das macht es spannend, aufreibend, kurios und augenöffnend.

Dieser Blog soll nun sowohl eine Reflexionsmöglichkeit für mich bieten, vor allem aber eine virtuelle Brücke über den Ärmelkanal zu meinen Freunden und Kollegen und zu meiner Familie schlagen.

In diesem Sinne „Helau!“ – ab heute, dem 11.11.09 um 11:11 pm, beginnt ein neues Kapitel, in dem ich es mir bewusst werde gut und anders gehen lassen.

Viel Spaß beim Lesen!
Dominique