Willkommen im Land der unbegrenzten Höflichkeiten!
In Deutschland hatte ich mich schon zur höflicheren Schicht gezählt und die eine oder andere Tür aufgehalten, doch nun scheint mir, als würden alle Butler in England geboren und erzogen. Hier muss ich noch einiges lernen um im Alltag nicht unbemerkt als frech und beleidigend abgestempelt zu werden.
In einer Drogerie fragte ich beispielsweise eine Verkäuferin ob der Bürstenkopf, den ich in der Hand hielt, zu jener Zahnbürste passen würde. Ihre Antwort darauf: „Passt dieser Bürstenkopf zu dieser Zahnbürste?“ Ich war verwirrt und zu konzentriert auf korrekte britische Einkaufskonversation, weshalb ich nur erwiderte „Ja, genau das habe ich gefragt.“ Meine Freundin, peinlich berührte Zeugin, erklärte mir später die richtige Reaktion wäre ein von einem Lächeln untermaltes „Yes, please.“ gewesen. Hier wiederholt man nämlich nicht die Frage des Kunden weil man nicht zugehört hat oder nicht weiß was er will, sondern eben genau um zu zeigen, dass man zugehört hat und seine volle Aufmerksamkeit auf die Lösung seines Anliegens richten wird.
In Kombination mit dem britischen Sarkasmus, bei dem es heißt sein Gegenüber gekonnt dezent zu beleidigen und den ich bereits mutig versuche in Konversationen einzubringen, ergibt sich ein kontrastreiches Repertoire an Verhaltensregeln und Fettnäpfchen. Ein wenig komme ich mir zurzeit deshalb vor als wäre ich in Japan, wo jeder Verneigungsgrad eine andere Bedeutung hat. Zunächst einmal halte ich mich an meiner ersten und ganz einfachen Faustregel fest: An fast jedes Satzende ein „please“ oder „thank you“ hängen.
Um richtig in die britische Kultur einzutauchen gibt es jedoch eine weitere, fast noch wichtigere Regel: zu jedem Teeangebot „Ja“ sagen. Bei einem längeren Besuch bei Freunden oder Verwandten lernt man dabei auch bald wo sich deren Toilette befindet – denn das Angebot wiederholt sich etwa alle halbe bis volle Stunde. Was man dann bekommt ist der stereotypisch bekannte schwarze Tee mit etwas Milch, hier übrigens „normaler Tee“ genannt. Das kann schnell verwirren: „schwarzer Tee“ ist hier nämlich „normaler Tee“ ohne Milch. Wenn man mag auch mit Zucker, was aber offenbar nur etwas für Weicheier oder Bauarbeiter ist – standardmäßig gehören nämlich ohnehin schon ein paar Kekse zum Tee dazu.
Zum diesem Tee-Regelwerk gehört es ebenfalls jedem, ob Freund oder Fremder, direkt nach der Begrüßung einen Tee anzubieten. So erfuhren wir auch spielend wie Weihnachten und was die Silvesterpläne unseres Telefoninstallateurs waren, während er sich mit seinem Tee ein wenig vom stoischen Nieselregen erholte.
Grundsätzlich unterhält sich hier ohnehin jeder mit jedem: Bei unserem bereits ersten Stromausfall machten wir nach einem Spaziergang an unserer Einfahrt Halt um von den Elektroinstallateuren in ihrer Baugrube zu erfahren wann wir wieder Licht bekämen. Unter ihrem Zelt, das sie wegen des obligatorischen Regens über das frisch gegrabene Loch gespannt hatten, sah ich – warum war ich überhaupt noch überrascht? – einige dampfende Packungen Fish’n’Chips. Nur mit einem Notlicht im Stockdunkeln kurz vor Heiligabend standen sie also da mit uns im Regen und konnten nicht anders als sich über die Ursache des Stromausfalls zu amüsieren und sich auf ihr Abendessen zu freuen.
Das ist typisch britisch: Warum sich ärgern wenn man auch die Ironie im Leben entdecken kann?
Carpet in bathroom and kitchen, houses engineered from red bricks but without basements, everyone says hello and cheerio to the bus driver - and since when exactly have chips been a delicacy? I am testing my appreciation of British curiosities, etiquette and humour. How will living in England affect me after I had been conditioned in a German/French climate for almost 30 years? I now live in Bournemouth, so here you shall receive my Word of Bournemouth.
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